Kunstsammlung der Familie Koch

Emil Nolde: Klatschmohn, undatiert. Ölgemälde, 40 x 35 cm.
Verlobungsanzeige 20. September 1919 "Badische Presse", Abendausgabe https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/OWT5RO42CP3VM3TP3PK3ZN3CPUX45X2E?issuepage=6
Adressbuch für Wiesbaden, 1932/1933.
Georg und Lotte Koch, 1930. © Familie Friedländer
Georg und Lotte Koch, 1930. © Familie Friedländer
Briefkopf der Spedition L. Rettenmayer, Wiesbaden, 1939.
Ansicht von Hamburg, Hafen, um 1941. P2005.628 Staatliche Landesbildstelle Hamburg, Sammlung zur Geschichte der Photographie

Kunstwerke im Umzugsgut

Flämische oder Holländische Schule, Blumenstilleben mit Käfern und Schmetterlingen, 60 x 75 cm

Flämische oder Holländische Schule, Brustbild eines Jünglings, 40 x 55 cm

Flämische oder Holländische Schule, Kopf eines alten Mannes, Brustbild, 58 x 68 cm

Flämische oder Holländische Schule, Kühe, 20 x 25 cm

Flämische oder Holländische Schule, Stilleben, 20 x 30 cm

Flämische oder Holländische Schule, Wirtshausszene, 45 x 60 cm

Heimsdorf oder Oberammergauer Schule, Landschaft in Morgendämmerung, ohne Rahmen, 45 x 35 cm

Alexej von Jawlensky, Genfer See, ohne Maße

Alexej von Jawlensky, Spanierin; Dame mit Fächer, Höhe: 70 cm, Breite: 50 cm

Paul Klee, Farbensymphonie, Aquarell, Höhe: 25 cm, Breite: 20 cm

Emil Nolde, Kinderkopf; Mädchenbildnis, Aquarell Höhe: 25 cm, Breite: 20 cm

Christian Rohlfs, Strasse; Kind im Torbogen, 42 x 60 cm ohne Rahmen, Öl

Emil Nolde, Klatschrosen / Klatschmohn Höhe: 40,00 cm, Breite: 35 cm; 46 x 34,5 cm, Öl

Rekonstruktion der Kunstsammlung von Lotte und Georg Koch, Wiesbaden

Provenienzforschungsprojekt in Kooperation mit den Enkeln von Lotte und Georg Koch, finanziert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste


Das Forschungsvorhaben hatte zum Ziel, die Kunstsammlung des Kinderarztes Dr. Georg Koch und seiner Frau Lotte, geborene Seeligmann, zu rekonstruieren. Es begann im Januar 2021 und wurde Ende Februar 2022 abgeschlossen.

Dr. Georg Koch und seine Frau Lotte lebten in Wiesbaden und interessierten sich für zeitgenössische Kunst und Antiquitäten.

Dr. Georg Koch wurde 1890 in Mainz als Sohn des Weinhändlers Moritz II Koch und seiner Frau Sophie Levy geboren. Georg Koch studierte Medizin und arbeitete nach seiner Teilnahme als Soldat im Ersten Weltkrieg als Arzt bei der Städtischen Mütterberatungsstelle und Säuglings-Milchanstalt in Wiesbaden. 1919 heiratete er die aus Karlsruhe stammende Anna Lotte Seeligmann. Sie war die Tochter des Rechtsanwalts Arnold Seeligmann und seiner Frau Rosalie, geb. Mayer.

Georg und Lotte Koch waren Mitglieder weitverzweigter Familien, die – nachweisbar seit dem 17. Jahrhundert – in Frankfurt am Main, Mainz und Karlsruhe lebten. Georg Koch hatte sechs Geschwister, Lotte Koch einen älteren Bruder, Paul, und eine jüngere Schwester, Elisabeth. Georgs Vater war Mitinhaber der Weinhandlung A. Koch in Mainz. Auch Lotte Koch stammte aus einer Unternehmerfamilie, ihr Onkel Philipp Mayer besaß eine Brauerei in Mainz, zwei weitere Onkel und auch ihr Bruder Paul Seeligmann waren Teilhaber der damals sehr bekannten Martin Mayer Gold- und Silberwarenfabrik in Mainz.

Georg und Lotte Koch bekamen zwei Kinder: 1920 Eleonore und 1921 Herbert. Die Familie lebte in Wiesbaden, wo Georg Koch als Kinderarzt in eigener Praxis tätig war.

Erwerbungen vom Nassauischen Kunstverein

Ab 1921 war Georg Koch Mitglied des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden. Dieser Kunstverein war bereits 1847 von Wiesbadener Bürgern zur Förderung zeitgenössischer Kunst gegründet worden. Dazu organisierte der Verein Ausstellungen, auf denen die gezeigten Werke gekauft werden konnten, führte aber auch Verlosungen von Kunstwerken durch.

Im Mai 1923 erwarb Georg Koch wahrscheinlich das erste Gemälde vom Nassauischen Kunstverein, ein „Stilleben mit Japanfigur“ des Wiesbadener Malers Hans Völcker, einem heute eher unbekannteren Künstler, der vor allem Landschaften malte. Ein halbes Jahr später, im August 1923, kaufte Georg Koch das Ölgemälde „Genfer See“ von Alexej Jawlensky, es folgte im September 1923 ein Ölgemälde Jawlenskys mit dem Titel „Dame mit Fächer“. Inflationsbedingt bezahlte Georg Koch für den „Genfer See“ 2,5 Millionen Mark, die „Dame mit Fächer“ kostete 1,5 Milliarden Mark. Für 1924 sind im Kassenhauptbuch des Kunstvereins zwei weitere Käufe Georg Kochs dokumentiert: Im Januar erwarb er Christian Rohlfs „Kind im Torbogen“ und im Juli das Aquarell „Mädchenbildnis“ von Emil Nolde. Im Mai/Juni 1925 ist der Verkauf eines weiteren Kunstwerks Noldes, das „Mohnbild“, im Kassenbuch verzeichnet.


Sowohl in der Familie von Georg Koch als auch in der Familie seiner Frau, den Seeligmanns und mütterlicherseits den Mayers, gab es Kunstsammler. Der Bruder von Arnold Seeligmann, Adolph Otto Seeligmann, war selbst Maler und lebte bis zu seinem Tode 1928 in Frankreich. Die Geschwister und Onkel von Rosalie Seeligmann, geb. Mayer, sammelten holländische Meister. Die Sammlung ihres Cousins Bernhard Albert II Mayer (1866-1947) ist durch den Katalog der Auktion am 25. Juni 1934 bei Paul Graupe in Berlin dokumentiert.

In der Familie Koch sind keine Fotos von den Kunstwerken, die Georg Koch und seine Frau erbten oder kauften, oder überlieferte Beschreibungen vorhanden. Die Kunstwerke, die Georg und Lotte Koch über den Nassauischen Kunstverein erworben hatten, konnten in keiner Ausstellung des Kunstvereins nachgewiesen werden. Es ist aber bekannt, dass sowohl Jawlensky als auch Rohlfs, Nolde und ihre Galeristen Kunstwerke auch außerhalb von Ausstellungen zum Verkauf an den Kunstverein übersandten. Lotte Koch hatte zudem aus der Sammlung ihrer Großmutter mütterlicherseits, Henriette Mayer (1848-1916), geb. Rindskopf, einige Gemälde geerbt. Auch zu diesen gibt es keine Überlieferungen.

Die Familie Koch wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten als jüdisch verfolgt. Georg Kochs Kinderarztpraxis in Wiesbaden wurde am 1. April 1933 boykottiert, er verstarb am 21. Mai 1933 in Wiesbaden an einer Erkrankung. Lotte Koch zog aus der Wohnung mit Praxis um, blieb aber mit den Kindern in Wiesbaden, die dort das Gymnasium besuchten.

Als 1935 Lotte Kochs Onkel, Philipp Mayer, starb, erbte sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Paul dessen Anteile an der Brauerei „Zur Sonne“ in Mainz und seine Sammlung flämischer Gemälde. Die Nachlassakten von Philipp Mayer sind nicht überliefert und seine Kunstsammlung konnte nicht näher beschrieben werden.

1939 musste die Weinhandlung A. Koch & Söhne OHG in Mainz, die von den Cousins Georg Kochs geführt worden war, an Strohfirmen der bereits durch die Aschinger AG „arisierten“ M. Kempinski & Co. Weinhaus und Handels-Gesellschaft mbH zwangsverkauft werden.

Eleonore und Herbert Koch wurde wie allen als Juden definierten Kindern nach den Pogromen im November 1938 der Besuch einer öffentlichen Schule untersagt. Lotte Koch konnte die Emigration nach England über Studentenvisa und ihre Bereitschaft, dort als Haushaltshilfe oder Krankenschwester zu arbeiten, organisieren. Ihr Bruder Paul emigrierte mit seiner Frau nach Kanada, die Eltern und ihre jüngere Schwester Elisabeth blieben in Karlsruhe zurück.


Das Umzugsgut

Einen Teil der Möbel und des Hausrats verkaufte Lotte Koch vor ihrer Auswanderung. Das Umzugsgut wurde im August 1939 von ihr verpackt und von der Spedition L. Rettenmayer in Wiesbaden aufbewahrt. Die Umzugsliste, die 1938/1939 für die Devisenstelle Frankfurt am Main wegen der Genehmigung und der Dego-Abgabe angefertigt wurde, enthält nur die Anzahl der Gemälde und Zeichnungen, nämlich 22, die sich im Umzugsgut befanden. Die Spedition L. Rettenmayer in Wiesbaden übersandte das Umzugsgut an die Spedition Hugo Schönsee am 16. Oktober 1939 nach Hamburg – mit Kennzeichnung „L.R.W.465“ ( „L. Rettenmayer Wiesbaden 465“). Im November 1940 wurde die Umzugslifts bei der Spedition Hugo Schönsee in Hamburg mit folgenden Angaben „Lift Nr. 465, cbm. 16,8 und Nr. 465/1, cbm 2,9, 23.11.1940“ geführt. Die Lagergebühren waren von Lotte Koch bereits im Herbst 1939 für drei Jahre – also bis Herbst 1942 – bezahlt worden.

Da Lotte Koch nach England ausgewandert war, galt nach Ausbruch des Krieges ihr Vermögen in Deutschland ab Januar 1940 als feindliches Vermögen, weil sie dort ihren dauernden Aufenthalt hatte. Im Juni 1940 meldete die Spedition Rettenmayer das Umzugsgut von Lotte Koch als „feindliches Vermögen“ mit dem Zusatz „Lagerhalter Hugo Schönsee“ an. Am 16. Juli 1940 verbot ein Erlaß des Reichswirtschaftsministers, Umzugsgut ins feindliche Ausland mitzunehmen.

Am 16. Januar 1941 erließ das Reichssicherheitshauptamt eine Verfügung zur Beschlagnahme des Umzugsguts von Ausgewanderten. Im Februar 1941 begannen die ersten Auktionen von Umzugsgut, das im Hamburger Hafen festgehalten wurde.

Lotte Kochs Umzugsgut wurde auf einer Liste als „Nothafengut“ des Dampfers „Belgrad“ mit Konnossement mit dem Stand vom 16. Februar 1942 und auf einer weiteren Liste, die an die Gestapo gehen sollte, mit dem Stand vom 10. März 1942 mit dem Vermerk „wird versteigert“ erwähnt. Wie das Umzugsgut auf den Dampfer „Belgrad“ gekommen sein soll, ist vollkommen unklar. Weder wurde für das Umzugsgut ein Abwesenheitspfleger bestellt, noch erscheint das Umzugsgut von Lotte Koch auf den Manifesten der Deutsche Levante Linie, die den Dampfer „Belgrad“ auf ihrer Route nach Palästina betrieb.

Am 11. Juni 1942 überwies der Auktionator Max Nothnagel, Hamburg, 36,80 Reichsmark unter dem Aktenzeichen II B 2-1829/41 auf das Konto der Hamburger Gestapo bei der dortigen Deutschen Bank. Dabei kann es sich jedoch nicht um den Erlös aus der Versteigerung des gesamten Lifts handeln. In den Akten der Deutschen Bank gibt es keine weiteren Hinweise. Akten des Auktionators, der kurz nach 1945 verstorben war, sind nicht überliefert.

Die Ausbürgerung von Lotte Koch gemäß 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz erfolgte am 10. Oktober 1944. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt in London, wo sie als Krankenschwester arbeitete. Ihr Sohn Herbert war auf der Isle of Man als feindlicher Ausländer interniert. Ihre Tochter Eleonore arbeitete in Hampstead ebenfalls als Krankenschwester. Ihre Eltern, Rosalie und Arnold Seeligmann, waren 1940 nach Gurs deportiert worden und verstarben dort. Die Schwester Elisabeth starb im März 1941 in Mainz.

Ihre Tochter Eleonore zog 1947 nach Berlin, ihr Sohn Herbert bereits 1945 nach Frankfurt am Main.


1958 stellte Lotte Koch vor dem Landgericht Hamburg in einem Wiedergutmachungsverfahren einen Antrag zur Rückerstattung der Gemälde und des anderen Umzugsguts. Dabei machte sie einige wenige Angaben zu den Kunstwerken wie Titel, Künstler und Maße.

Da diese sämtlich unauffindbar waren, konnten sie nicht restituiert werden. Im Wiedergutmachungsverfahren wurde eine Versteigerung vermutet und eine Entschädigung im Vergleich gezahlt. Der Verbleib konnte nicht geklärt werden.


Gemälde im Nachlass Kröger, Elmshorn

Das Gemälde „Klatschmohn“ von Emil Nolde, das Georg Koch vom Nassauischen Kunstverein erworben hatte, wurde 1980 im Nachlass der Tochter des Elmshorner Viehhändlers Mathias Kröger durch den Nolde-Experten und Kunsthistoriker Martin Urban identifiziert. Das Gemälde stammte wohl aus dem Nachlass des bereits 1956 gestorbenen Viehhändlers Mathias Kröger und war nach dessen Tod an die Tochter Martha Kröger gelangt. In Emil Noldes Unterlagen ist 1930 als Eigentümer eines Gemäldes „Vase mit Mohn“ Georg Koch, Wiesbaden aufgeführt. Martin Urban identifizierte das im Nachlass Kröger befindliche Gemälde als das aus der Sammlung Georg Kochs. Im Nachlass des Viehhändlers Mathias Kröger bzw. seiner Tochter befanden sich weitere Gemälde, Antiquitäten und Porzellane. Darunter auch eine „Berliner Straßenszene mit Brandenburger Tor“ von Lesser Ury und Gemälde von holländischen und deutschen Künstlern, vor allem aus dem 19. Jahrhundert. Die Erben von Martha Kröger waren weitläufige Verwandte ihrer Eltern. Der gesamte Nachlass wurde durch einen Rechtsanwalt verwaltet. Dieser ließ die Kunstobjekte durch die Kieler Kunsthandlung von Negelein schätzen. Die Galerie Negelein kaufte das Nolde-Gemälde aus dem Nachlaß Kröger und brachte es mit der Bremer Galerie Werner in den Kunsthandel. Es wurde 1985 erfolglos bei Christie’s angeboten. Ca. 1996 tauchte es in Kommission bei der Kunsthandlung Salis & Vertis in Salzburg, Österreich, auf, von wo es angeblich in eine französische Privatsammlung verkauft wurde. Das Gemälde von Lesser Ury wurde, wahrscheinlich von einem der Erben von Martha Kröger, am 30. November 1982 bei Christie’s London versteigert. Im Auktionskatalog wurde erwähnt, dass Mathias Kröger die „Berliner Straßenszene mit Brandenburger Tor“ 1929/1930 in Berlin erworben habe. Dazu konnten keine weiteren Informationen ermittelt werden. Die „Straßenszene“, die 1932 bei Paul Cassirer aus dem Künstlernachlass versteigert und dort von Dr. Karl Schwarz, dem damaligen Direktor des Jüdischen Museums Berlin, erworben wurde, zeigt ein ähnliches Sujet, jedoch einen anderen Bildausschnitt. Die Herkunft der anderen Werke aus dem Nachlass Kröger bleibt damit unsicher. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass außer dem Nolde-Gemälde weitere Gemälde aus geplündertem oder versteigertem Umzugsgut stammen.

Andere Kunstwerke aus der Sammlung Koch

Die Recherchen im Forschungsprojekt ergaben Hinweise auf Gemälde in Museen oder in Privatbesitz, die aufgrund Sujets, Maßen und erheblichen Lücken in der Provenienz möglicherweise in der Sammlung Koch gewesen sein könnten. Auch die „Dame mit Fächer“ konnte trotz der Unterstützung des Jawlenksy-Archivs nicht eindeutig identifiziert werden.

Lotte Koch starb 1964 in London. Ihre Suche nach dem Umzugsgut setzten ihre Kinder fort.

DAS PROJEKT IN DEN MEDIEN

NDR Kulturjournal 02.05.2022 | 23:15 Uhr Kunstraub: Was ist aus Kunstschätzen jüdischer Familien geworden?“ Online in der Mediathek

NDR Unsere Geschichte | 08.06.2022 | 21:00 Uhr „Das Raubkunst-Puzzle – Suche nach Gerechtigkeit“ und Online in der Mediathek