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Unaufgefordert 11/2005

Tod in Moskau


Excerpt in German

Zwei beschriftete leere Zigarettenschachteln, eine Kinokarte, eine Streichholzschachtel und drei Blatt Zigarettenpapier mit Notizen darauf brachten Fritz Flatow, Student in der Gründergeneration der Freien Universität (FU), den Tod. Auf einer Fahrt von Berlin nach Dresden wurde im Zug eine Ausweiskontrolle durchgeführt. Um dieser zu entgehen, wollte sich der politisch aktive Student auf der Toilette verstecken, fiel bei diesem Versuch aber den sowjetischen Beamten auf und musste sich einer Leibesvisitation unterziehen. Bei seinen Notizen fand man verdächtige Adressen aus Meißen und Westberlin und sowjetische Autonummern. Er wurde verhaftet und starb am 20. März 1952 im Keller des berüchtigten Moskauer Butyrka-Gefängnisses durch Genickschuss. Er war nicht der Einzige. Insgesamt dreizehn Berliner Studenten wurden Anfang der fünfziger Jahre aus der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik verschleppt. [...]

Seit 2004 bemüht sich nun ein gemeinsames Forschungsprojekt der Menschenrechtsorganisation für historische Aufklärung "Memorial" und des privaten Berliner Historikerbüros "Facts & Files", das Schicksal der ermordeten Studenten aufzuklären. In russischen und deutschen Archiven sammelten sie biographische Hinweise über die 927 deutschen Opfer, die zwischen 1950 und 1953 in der DDR vom obersten Militärtribunal der Sowjetischen Besatzungstruppen verurteilt und in Zügen nach Moskau gebracht wurden.

"Ein doppelter Rechtsbruch", wie Jörg Rudolph von "Facts & Files" betont. Denn zum einen hatten Deutsche einen im Paragraphen 10 der DDR-Verfassung verankerten Auslieferungsschutz gegenüber fremden Mächten. Zum anderen wurde in der DDR nach der "Bestimmung über Staatsverbrechen" gerichtet, welche dem sowjetischen Zentralkomitee seit 1927 gestattete, jede missliebige Opposition zu beseitigen - ein Gesetz, das eigentlich nur auf sowjetischem Territorium galt. [...]

Vor allem die Westberliner "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" organisierte weit reichende politische Aktionen. Auch Fritz Flatow war Mitglied der Gruppe. Es wurden Flugblätter in S-Bahnen geklebt oder an den Sektorengrenzen verstreut, Ballons gebaut, mit denen die regimekritischen Botschaften abgeworfen wurden. Dass sie dafür womöglich mit dem Tod bezahlen müssten, kam den meisten nicht in den Sinn, auch wenn sowohl Rektoren als auch Studentenvertretungen gewarnt hatten. [...]

by Sebastian Rothe

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