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Thüringer Allgemeine, January 07, 2006

Erschossen am Heiligabend (Shot on Christmas Eve)


Excerpt in German

[...] Von den dunklen Kapiteln der (ost)deutschen Nachkriegsgeschichte ist das eines der schwärzesten und zugleich geheimsten. Wie schon während der Zeit der so genannten politischen Säuberungen in den 30ern mordeten Stalins Schergen auch nach dem Krieg weiter. Für eine Dokumentation, erstmals vorgelegt im vergangenen Jahr von der russsichen Menschenrechtsorganisation Memorial, wurden die Namen von mehr als 5000 in Moskau Hingerichteten identifiziert, neben Russen viele Angehörige sowjetisch besetzter Nationen. Eine der größten Gruppen: die Deutschen. Weit über 1000 solcher Todesurteile verhängten so genannte Tribunale der Sowjets hier zu Lande, nicht selten wurden die Beschuldigten vorher sogar aus dem Westen verschleppt. Oft waren Landsleute - Polizisten, Nachbarn, Kollegen - an Denunziationen, Verhaftung und Zuführung beteiligt.

Die vorgeblichen Gründe: Vaterlandsverrat, Vorbereitung zum bewaffneten Aufstand, Spionage, Schädlingstätigkeit, Diversion... [...]

Alles - Verhaftung, Prozess, Verschleppung nach Moskau, Erschießung - geschah nach stalinistischem Muster weitestgehend im Geheimen. Die Erschossenen wurden eingeäschert und in namenlosen Gräbern auf dem Moskauer Donskoje-Friedhof verscharrt, weiß Jörg Rudolph vom Berliner Forschungsinstitut Facts & Files, das die Biografien von schließlich 927 dort identifizierten Deutschen, darunter fast 100 Thüringer, für ein Buch recherchiert hat. [...]

Willkür und Strafmaß, nicht zuletzt die Unerbittlichkeit bei der Vollstreckung lassen einem noch heute das Blut in den Adern gefrieren. Wie am Fließband muss an manchen Tagen erschossen worden sein, selbst an Feiertagen wie Heiligabend, Neujahr oder dem russischen Weihnachtsfest wurde keine Ausnahme gemacht. [...]

by Hanno Müller, Thomas Rothbart

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