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Freies Wort, August 21, 2006

Bei den "Freunden" abgeliefert und erschossen


101 Thüringer wurden zwischen 1950 und 1953 in Moskau als "Sowjetfeinde" hingerichtet - so geheim, dass Angehörige noch immer suchen

Excerpt in German

Über 50 Jahre zurück blickt eine Ausstellung, die heute im Thüringer Landtag eröffnet wird. Sie dokumentiert eines der dunkelsten Kapitel DDR-Geschichte - die Verfolgung und Ermordung von Menschen, die sich auf unterschiedlichste Weise dem Regime widersetzten.

[...] Genau 923 Deutsche, darunter 101 Thüringer, wurden zwischen 1950 und 1953 im Keller des Moskauer Gefängnisses "Butyrka" erschossen. Wegen angeblicher Spionage, antisowjetischer Propaganda, Sabotage oder Mitgliedschaft in "feindlichen Organisationen". Zu einer Zeit, da sich die DDR ihrer Souveränität schon rühmte, verschwanden Männer und Frauen, Geschwister und Ehepaare, Staatsbürger der angeblich selbstständigen Republik über Nacht buchstäblich ins Nichts. Nachforschungen der Angehörigen, so sie sich überhaupt trauten, blieben in aller Regel unbeantwortet. Das Ministerium für Staatssicherheit, das die Verhaftungen vornahm und in dessen Zellen die "Spione" zunächst festgehalten wurden, strich die Opfer auch im internen Schriftverkehr aus seiner Zuständigkeit: Mit "Übergeben an die Freunde" endeten die Aufzeichnungen über verhaftete "Staatsfeinde", weiteres, so beschied man etwa dem Thüringer Landesbischof Werner Mitzenheim, sei "nicht bekannt".

Wer einmal in den Fängen der sowjetischen Stasi MGB landete, hatte de facto nicht den Hauch einer Chance auf ein ordentliches Verfahren. Legte schon das MfS keinen förmlichen Haftbefehl vor und ließ fast nie einen Rechtsbeistand zu, so kam die - im übrigen DDR-verfassungswidrige - Überstellung an die "Freunde" dem Eintritt in eine rechtsfreie Zone gleich: Oft monatelange Vernehmungen wurden vor allem nachts durchgeführt, Schlaf- und Essensentzug waren ebenso an der Tagesordnung wie Schläge und andere Gewalt. Protokollanten zeichneten nur auf Russisch auf, was den Vernehmern für eine Verurteilung geeignet schien. Den Strafrahmen empfahlen die Ermittler gleich selbst, Entlastungszeugen wurden ebenso wenig zugelassen wie eigene Verteidiger der Angeklagten, Dolmetscher in den auf Russisch geführten Prozessen übersetzten häufig unvollständig. [...]

Ob die Tatvorwürfe wie etwa "Spionage" einen realen Bezug hatten, lässt sich kaum aufklären, wie Jörg Rudoph vom Berliner Institut Facts & Files erläutert, das sich mit den deutschen Stalinismus-Opfern beschäftigt. [...]

by Jens Voigt

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