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Neues Deutschland vom 24.10.2005

Erschossen in Moskau


Ein Totenbuch erinnert an deutsche Opfer des Stalinismus in den Jahren 1950 bis 1953

Auszug

Als Gerhard Priesemann an einem Augustmorgen des Jahres 1950 das Haus verlässt, ahnt er nicht, dass dies das letzte Mal sein wird. Das CDU-Mitglied wird auf der Straße abgefangen und an die sowjetische Militäradministration überstellt. Wegen angeblicher Spionage verurteilt man ihn einige Monate später zum Tode und überstellt ihn in das berüchtigte Butyrka-Gefängnis in Moskau. Am 14. Mai 1951 wird Priesemann dort in den Keller geführt und erschossen. Die Hinrichtungen finden abends statt, damit die Leichenwagen auf dem Weg zum Krematorium des Moskauer Friedhofs Donskoje kein Aufsehen erregen.

Die Wagen rollen oft. Allein 927 deutsche Opfer stalinistischer Unrechtspraxis haben die russische Menschenrechtsorganisation Memorial International und das Berliner Geschichts-Institut Facts & Files belegt. Die Namen und Lebenswege der Opfer finden sich in einem "Totenbuch", das Ende der vergangenen Woche auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. [...] Für das Totenbuch recherchierten die Berliner von Facts & Files im Bundesarchiv, beim Roten Kreuz, in Stasiakten und bei Hinterbliebenen. Das bislang ungeklärte Schicksal von 927 Deutschen, die zum größten Teil aus der DDR verschleppt wurden, wird nun auf 400 Seiten fassbar. [...]

von Tom Strohschneider

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