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DER SPIEGEL Nr.16 vom 14.4.2000

Alte Akten, neue Fakten

Historiker, die an Unis und in Museen keine passenden Jobs finden, entdecken Geschichte als Geschäft.

 

Auszug


[...]
Eine Nische ganz dicht am klassischen Geschäft des Geschichtsforschers hat die Berliner Firma "Facts & Files" erobert: Die drei Gründer Beate Schreiber, 28, Frank Drauschke, 29, und Jörg Rudolph, 34, verbringen den Großteil ihrer Zeit in Archiven und wälzen alte Akten auf der Suche nach neuen Fakten. Ihre Kunden sind bereit, gutes Geld dafür zu zahlen. Das Trio, das inzwischen ein Dutzend Rechercheure beschäftigt, hat bereits in so delikaten Fragen wie Zwangsarbeit oder unausgezahlten Lebensversicherungen von NS-Opfem recherchiert. "Als Folge des Zweiten Weltkriegs liegen Akten aus deutschen Archiven heute auch in Washington und Wladiwostok", weiß Rudolph. "Wir fungieren für unsere Kunden als Navigator durch das Labyrinth der Archive und Informationsquellen." Inzwischen suchen auch deutsche Universitäten Hilfe bei den Archiv-Experten von Facts & Files. Einer der ersten war Professor Ludolf Herbst von der Berliner Humboldt-Universität. Im Auftrag der Commerzbank untersucht er die Geschichte des Geldinstituts, speziell im Dritten Reich. Schreiber & Co. fanden für Herbst heraus, in welchen Archiven welche Unterlagen zur Bank vorhanden waren. "Die hatten einfach ein Know-how, das wir uns hätten aneignen müssen", erkennt Herbst neidlos an. Das Geschäft mit der Geschichte entdeckte das Trio Anfang der neunziger Jahre. Als studentische Hilfskräfte für 18 Mark die Stunde suchten sie auf Rechnung der Gewerkschafts-Holding BGAG Belege für Rückübertragungsansprüche in Archiven. "Wir haben für die umfängliche Vermögenswerte gesichert", erinnert sich Rudolph, "da kam uns der Gedanke, unser Fachwissen besser zu verkaufen." Ende 1998 beteiligten sich die drei an einem Businessplan-Wettbewerb der Investitonsbank Berlin - und stießen auf geteilte Reaktionen bei der Jury. "Der Herr von der Industrie- und Handelskammer war völlig konsterniert", schmunzelt Schreiber. "Ein anderes Jurymitglied war total begeistert - die hatte selbst mal Geschichte studiert." Am Ende wurde den drei Historikern eine ehemalige Pixelpark Managerin als Beraterin vermittelt. Als nächstes erarbeiten sie ein Bestandsverzeichnis für das Archiv der Leipziger Verkehrsbetriebe. Und seit die Berliner IHK ihre Mitgliedsfirmen zur Beteiligung an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft für Zwangsarbeiter aufrief, hoffen die Facts & Files-Gründer auf Aufträge von betroffenen Firmen. Drauschke: "Es wäre eine schöne Bestätigung, wenn die schärfsten Kritiker unserer Geschäftsidee uns neue Kunden zuführen würden."

 

 

Hans Michael Kloth




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